DISS-Kolloquium: Aktuelle autoritäre Tendenzen im Lichte klassischer Faschismustheorien undneuer Analysen (14. bis 15. November 2026, Duisburg)
Die Frage, ob man angesichts neuer autoritärer Regime und illiberaler oder rechtsextremer Dynamiken von Faschismus sprechen kann, beschäftigt politische und wissenschaftliche Debatten seit geraumer Zeit. Das Ergebnis der Wahlen in Sachsen-Anhalt wird ihnen vermutlich weiteren Auftrieb geben.
Ein sorgfältiger Umgang mit Begriffen wie Faschismus oder Faschisierung erscheint jedoch angebracht, um nicht, wie etwa Jan Philipp Reemtsma in der FAZ befürchtete, falsche Analogien zu produzieren. Das DISS-Kolloquium wird dies zum Thema machen. Als Ausgangspunkt mag ein Zitat von Klaus Weber aus dem Jahr 1999 (im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus) dienen:
„Das Changieren zwischen einem Gerade-Noch demokratischer Regelung“ bzw. demokratischer gesellschaftlicher Umgangsformen und „dem Noch-Nicht faschistischer Politik macht gerade die Spezifik“ einer Situation der Faschisierung aus.
Der Begriff der Faschisierung setzt, folgt man dem Zitat, den Begriff faschistischer Politik voraus. Und er verweist als Grundlage der Begriffsbildung auf die klassischen Beispiele des deutschen Radikal- und des italienischen Faschismus, anhand derer ein solcher Begriff zu entwickeln ist. Das schließt nicht aus, dass auf der Basis einer vergleichenden Faschismusforschung allgemeine Bestimmungen gewonnen werden können, die als Maßstab für die Zuordnung eines konkreten politischen Phänomens zu einem Gattungsbegriff Faschismus gelten können. In dieser Hinsicht dient der Faschismus-Begriff zur näheren Bestimmung der Grenze, bis zu der von einem konkret historischen Phänomen gesagt werden kann, dass es sich (noch) nicht um Faschismus handelt.
Andererseits gelten diese Überlegungen auch für den Begriff der Faschisierung. Der Begriff meint den Prozess (die Prozesse), der (die) historisch zur Etablierung des Faschismus (als System) geführt hat (haben) bzw. unter generischen Gesichtspunkten auch heute führen kann (können).
Logischerweise bedeutet Faschisierung nicht, dass ein solcher Prozess, dessen einzelne Momente man wieder am klassischen Beispiel studieren kann, zwangsläufig zur Etablierung eines faschistischen Systems führen muss. Vorausgesetzt, es gibt heute Prozesse, die man mit dem Begriff der Faschisierung belegen kann, bedarf es offensichtlich einer Sichtung all der Momente, anhand derer empirisch überprüft werden kann, in welchem Maße Prozesse der Faschisierung und deren Bündelung durch „Verzahnung, Ergänzung und wechselseitige Verstärkung“ (Patrick Eiden-Offe) fortgeschrieben bzw. welche gegenläufigen Tendenzen wirksam sind.
Das anstehende Kolloquium des DISS widmet sich diesen Fragestellungen. In einem ersten Teil sollen Referent*innen zu Wort kommen, die die bisherige Debatte um den Begriff „Faschisierung“ aus ihrer Sicht rekapitulieren und ihre eigene Position prononciert und kontrovers zum Ausdruck bringen sollen. Der zweite Teil thematisiert klassische Faschismustheorien unter dem Aspekt ihrer möglichen Relevanz für das Verständnis heutiger autoritärer oder gar faschisierender Dynamiken. Der dritte Teil befasst sich mit einigen aktuellen Entwicklungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern und Kontexten. In einer abschließenden Podiumsdiskussion sollen die Eingangsstatements anhand der Beiträge des Kolloquiums überprüft und erneut zur Diskussion gestellt sowie die Zielorientierung einer antifaschistischen Strategie diskutiert werden.
Vorläufiges Programm:
Samstag, 14.11.2026
10:00
Begrüßung
10:15– 11:30
Statements von Anika Taschke (Berlin), Fabian Virchow (Düsseldorf) und Richard Gebhardt
(Köln)
11:40 – 12:40
Mathias Wörsching (Berlin): Ausgewählte Konzeptionen eines generischen
Faschismusbegriffs und die Problematik ihrer Anwendung auf aktuelle Entwicklungen
Mittagessen und Pause
13:45 – 14:45
Moritz Zeiler (Bremen): Kann Ernst Fraenkels „Dual State“ zum Verständnis des
Trumpismus beitragen?
14:50 – 15:50
N.N.: Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ und das Phänomen des libertären Autoritarismus
Kaffeepause
16:15 – 17:15
Volkmar Woelk (Grimma): Ostdeutsche Landtagswahlen: Wo steht die AfD?
17:20 – 18:20
Juliane Lang (Gießen): Querfeindliche Gewaltpotentiale im Umfeld der AfD
18:00 Diskussionsrunde und anschließendes Abendessen
Sonntag, 15.11.2026
9:00 – 10:00
Ursula Birsl (Marburg): Entwendungsstrategien von rechts: Interventionen in feministische Diskurse
10:10 – 11:10
Kai-Erik Seiler (Augsburg): Faschisierung als Grundtendenz digitaler Medien?
11:20 – 12:20
Ingar Solty (Berlin): Einige Anmerkungen zum Trumpismus und zu vergleichbaren Entwicklungen
Mittagessen und Pause
14:00 – 16:00
Abschlussdiskussion mit Anika Taschke, Fabian Virchow und Richard Gebhardt
Kaffee und Kuchen
17:00 Ende der Tagung
Unsere Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW (RLS NRW) und von FORENA (Düsseldorf) unterstützt. Dadurch ist es möglich, eine Staffelung des Tagungsbeitrags vorzunehmen: Der „normale“ Beitrag beträgt 100 €. Für diejenigen, die diesen Betrag nicht aufbringen können, reduzieren wir den Tagungsbeitrag auf 80 €. Gerne nehmen wir aber auch einen Solidaritätsbeitrag von 150 €. Die Zahl der Teilnehmenden ist auf 40 beschränkt. Bitte schickt eure Anmeldung bis spätestens zum 1.11.2026 an: iris [dot] tonks [at] diss-duisburg [dot] de