Laudatio anlässlich der ersten Verleihung des Sonderpreises „Demokratie und Zusammenhalt in der Vielfalt

 

 

Laudatio

anlässlich der ersten  Verleihung des Sonderpreises

„Demokratie und Zusammenhalt in der Vielfalt“

des Ministers für Arbeit, Integration und Soziales

des Landes Nordrhein-Westfalen

Guntram Schneider

an

Dr. Gabriele Elverich

 

am 5. Oktober 2012

in Düsseldorf

 

 

Anton Rütten, Leiter der Abteilung Integration im MAIS NRW

 

Laudator-Ministerium

 

 

Sehr geehrter Herr Prof. Virchow,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe, geschätzte Frau Dr. Elverich,

 

es ist mir eine Freude, heute hier im Namen des Ministers für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Guntram Schneider,

dem Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf  Grüße und Glückwünsche sowie Dank und Respekt zu seiner 25-jährigen engagierten, kompetenten und erfolgreichen Arbeit zu übermitteln.

Der Dank und der Respekt finden ihren Ausdruck in der Stiftung des mit 1.000 € dotierten Sonderpreises „ Demokratie und Zusammenhalt in der Vielfalt“, der heute erstmals verliehen wird. Er ist gleichsam ein Geburtstagsgeschenk unseres Ministeriums an dieses Institut.

 

Mir ist nun, weil Minister Schneider durch einen anderen Termin gebunden ist, die Ehre zuteil geworden, die Laudatio für Frau Dr. Gabriele Elverich  halten zu dürfen.

 

Weil es die Premiere dieses Preises ist, erlaube ich mir zunächst einige Worte zu dem  Anliegen, das wir in  unserem Handlungsschwerpunkt Integrationspolitik mit diesem Sonderpreis verbinden.  Und weil heute in den Vorträgen bereits Einiges gesagt worden ist, das diesen Hintergrund beleuchtet, kann ich mich kurz fassen.

Die hier Versammelten eint, dass sie in verschiedenen Professionen, aus unterschiedlichen Perspektiven und mit  vielfältigen thematischen Interessen und methodischen Instrumenten Erscheinungsformen, Grundlagen und Wirkungen des Rechtsextremismus erforschen. Nicht erst seit dem Schock über das fahrlässig unterschätzte und mörderisch effektive Wirken des NSU wissen wir, dass der Rechtsextremismus seine Identifikation nach innen wie seine Wirkung nach außen vorrangig auch durch die Konstruktion des Eingewanderten als nicht Dazugehörenden generiert bzw. stärkt.

Er konstruiert und verbreitet in gefährlicher Kontinuität zur Geschichte des Rassismus in Deutschland die Ideologie von Höher- und Minderwertigkeit je nach Herkünften, ethnischen Zugehörigkeiten oder religiösen Orientierungen und implementiert entsprechende Bilder, die ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft finden. Er leitet aus seiner Ideologie Differenzierungen hinsichtlich der Rechte und Pflichten der Einzelnen, ja hinsichtlich ihrer Daseinsberechtigung an sich ab – und er unterläuft damit (mit bedauerlich großem Erfolg) die Grundlagen der Demokratie.

Rechtsextremismus ist ein entschiedener Feind der Demokratie. Als solcher versteht er sich selbst. Und als solcher muss er begriffen und bekämpft werden.  Seine Demokratiefeindlichkeit kommt vor allem in seiner die Gesellschaft spaltenden Wirkung zum Ausdruck. Seine Ideologeme sind häufig, viel zu häufig gesellschaftsfähig.

 

Das xenophob-rassistische Element des Rechtsextremismus ist nicht nur deshalb gefährlich, weil es Menschen mit Zuwanderungsgeschichte herabsetzt, herabwürdigt und entrechtet. Nein, es  steht in seinem Kern im fundamentalen Widerspruch zu den Prinzipien der Demokratie und der Menschenwürde.  Und es zielt auf die Destabilisierung des Grundkonsenses hinsichtlich der Nichthinterfragbarkeit des Artikels 1 der Verfassung.

 

Deshalb ist es sicherlich notwendig, sich in der Integrationspolitik auf die individuelle Handlungsebene von Sprach- und Bildungsförderung, auf Empowerment von Gruppen und die interkulturelle Öffnung gesellschaftlicher oder staatlicher Strukturen  zu beziehen. Aber es reicht nicht aus. Wir müssen auch den Blick auf das gesellschaftliche Klima und den Zusammenhalt der Menschen in der Vielfalt ihrer Identitäten richten.

 

Das schafft Politik nicht alleine. Dazu bedarf sie wissenschaftlicher, gesellschaftswissenschaftlicher und gesellschaftswissenschaftlich fundierter handlungspraktischer Kompetenz – die sie berät, die sie unterstützt, die sie kritisiert, die sie erforderlichenfalls wach rüttelt.

 

Deshalb gibt es diesen Preis. Den Sonderpreis für wissenschaftliche Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die auf  besonders innovative, sorgfältige, methodisch qualifizierte und überzeugende Weise ein Thema bearbeitet haben, das sich um die Sicherung und Stärkung von Demokratie und Zusammenhalt in der Vielfalt  dreht.

Erste Trägerin dieses Preises ist Frau Dr. Gabriele Elverich.  Sie erhält diesen Preis für ihre im Jahre 2010 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen eingereichte Dissertation „Demokratische  Schulentwicklung – Potenziale und Grenzen einer Handlungsstrategie gegen Rechtsextremismus in der Schule“.

 

Bei dieser Arbeit handelt es sich  um die Evaluation eines Modellprojektes der Rechtsextremismusprävention durch demokratische Schulentwicklung an einer Realschule in einer Großstadt im Osten Deutschlands.

 

Das Integrationsministerium schließt sich mit der Preisverleihung dem eindeutigen und einhelligen Votum der  Jury an.

 

Die Jury hebt in ihrer Begründung hervor, dass die Arbeit sowohl innovativ und sorgfältig theoretisch fundiert als auch von hohem Anwendungsbezug ist.  Zielführend seien Ergebnisse  der Schulentwicklungsforschung mit Zugängen aus der Rechtsextremismusprävention miteinander verknüpft worden.  Die Verbindung eines ethnographischen Verfahrens mit dem Ansatz der Grounded Theory wird von der Jury als Herangehensweise bewertet, die dem Prozesscharakter des Modellprojektes in besonderer Weise gerecht wird. In der Zusammenschau von Ergebnissen aus Experteninterviews und Dokumentenanalysen gelange Frau Dr. Elverich auf nachvollziehbare Weise zu einer Identifizierung von Stärken und Schwächen des untersuchten Modellprojektes sowie zu Verbesserungsvorschlägen für künftige Vorhaben

 

Die Arbeit mache schließlich deutlich: „Rechtsextremismus erledigt sich durch partizipative Verfahren zur allgemeinen Qualitätsverbesserung von Schule nicht ‚von selbst’.  Insofern bietet die Forschungsarbeit zahlreiche Ansatzpunkte und Hinweise für eine Weiterentwicklung von Ansätzen demokratischer Schulentwicklung in Verbindung mit der Rechtsextremismusprävention.“

Soweit die Begründung der Jury.

 

Dennoch könnte sich die Frage stellen: Wieso zeichnet ein Arbeits-, Integrations- und Sozialministerium eine Arbeit aus, die sich eindeutig auf Schulentwicklung bezieht? Oder: Wieso erhält in Nordrhein-Westfalen eine Wissenschaftlerin einen Preis, die in Göttingen studiert hat, in Ostdeutschland geforscht hat und heute in Bayern arbeitet?

 

Die Antwort ist kurz – und sie wird hier niemanden überraschen. Durch ihre große Sorgfalt, ihre methodische Transparenz und die immer wiederkehrende Selbstreflektion  der Autorin als teilnehmende Forscherin gewinnt die Arbeit Relevanz und Übertragungsqualität über das System Schule und die betreffende Großstadtregion hinaus.

Wir haben der Jury nicht blind vertraut. Ich und andere Kollegen haben die rd. 350 Seiten starke Arbeit gelesen. Mit Gewinn gelesen. Und weil sich die  Überzeugungskraft meiner Laudatio nicht  an ihrer Länge messen lassen sollte, sondern daran, ob unsere Entscheidung als Ministerium nachvollziehbar  ist,  sage ich abschließend kurz und knapp etwas dazu, worin für uns dieser Gewinn besteht, und inwiefern die Arbeit einen wissenschaftlichen Beitrag zur Stärkung von Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt leistet.

Ich greife dafür auf drei Zitate aus der Arbeit zurück:

 

„Die Forschungsergebnisse zeigen, wie der konkrete Handlungsbedarf im Umgang mit rechtsextremen Tendenzen in der Schule durch den breiten Fokus der Demokratie- und Qualitätsentwicklung aus dem Blickfeld geraten kann.“

„Schulkulturelle Veränderungen sind zwar als wichtige Voraussetzung für ein respektvolles Miteinander und die Ermöglichung von Anerkennungs- und Selbstwirksamkeitserfahrungen anzusehen, sollten aber im Sinne einer integrierten Handlungsstrategie mit inhaltlichen Auseinandersetzungen einhergehen. Eine konsequente Form der Rechtsextremismusprävention erfordert deshalb auch einen offensiven Umgang mit Fragen und Themen der Einwanderungsgesellschaft wie z. B. Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus, Gewalt, Ausgrenzung, Migration, Flucht & Asyl, Diskriminierung und soziale Benachteiligung. Die Entwicklung einer integrierten Handlungsstrategie sollte deshalb auch die nähere Bestimmung der inhaltlichen Eckpunkte eines menschenrechtlich-demokratisch orientierten Gegenentwurfs zu rechtsextremen Denkwelten umfassen…..Es ist deshalb gerade im Kontext der Rechtsextremismusprävention unerlässlich, auch mit den Spannungsfeldern und Dilemmata demokratischer Systeme offensiv umzugehen.“

 

Und schließlich: „Demokratie lernen als übergeordneter Bezugspunkt der Rechtsextremismusprävention kann nur dann seine Potenziale entfalten, wenn Demokratie nicht als abstraktes Ideal verklärt, sondern als komplexes und widersprüchliches Konzept begriffen wird, dessen konkrete Gestaltung permanent neu verhandelt werden muss.“

 

Meine Damen und Herren,

diese Erkenntnisse sind nicht nur für die Schule relevant. Sie sind relevant für den gesamten Lernprozess, in dem sich Deutschland auf seinem Weg vom Einwanderungsland wider Willen zu einem selbstbewussten und modernen Einwanderungsland befindet. Um es mit meinen Worten zu sagen: Es ist gut und richtig, von dem integrationspolitischen Ziel einer Willkommenskultur zu sprechen. Es wäre aber naiv und verantwortungslos, es in diesem Kontext alleine bei einem diffus-appellativen Gestus zu belassen, ohne wirksam an einer mit entsprechenden Bürgerrechten verbundenen Zugehörigkeits- bzw. Partizipationsstruktur zu arbeiten. Und diese zu erreichen, kann nur gelingen, wenn innergesellschaftliche Widersprüche und Konflikte nicht rhetorisch ausgeklammert, sondern analytisch  und handlungspraktisch in alle Strategie zur Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft von Morgen einbezogen werden.

 

Willkommenskultur und humanitäre Grenzfälle der Abschiebung von Flüchtlingen – das sind Widersprüche, die erklärt werden müssen. Die menschliche Aufnahme und Integration von  Armutswanderern darf nicht nur im Rahmen interkultureller Wochen gefordert und beschworen, sie muss auch in den 51 Wochen danach praktisch geübt und gelebt werden. Wohlmeinende Bekundungen der Bürgergesellschaft stehen dabei in einem Widerspruch zu der Tatsache, dass die faktische Aufnahmeleistungen in den Stadtteilen und von den Menschen zu erbringen sind, die selbst Gefahr laufen, aufgrund  struktureller Disparitäten bzw. sozialer Benachteiligungen an den Rand gedrängt zu werden. In solchen Fällen Konflikte um Ressourcen und kulturelle Deutungshoheit nicht als Unfähigkeit zur Demokratie und als Bildungsdefizit abzutun, sondern Demokratie und Zusammenhalt dadurch zu stärken, dass die Konflikte offen, fair und mit langem Atem angegangen werden, dass ist eine Herausforderung, die Politik annehmen muss und die Nordrhein-Westfalen annimmt.

Damit bewusster umzugehen, dazu leistet Ihre Arbeit, Frau Dr. Elverich, einen wichtigen Beitrag. Deshalb gebührt Ihnen der erste Sonderpreis „Demokratie und Zusammenhalt in der Vielfalt“.

 

Herzlichen Glückwunsch.

 

Und herzlichen Dank an Forena und an die Jury.

Geschrieben am 25.10.2012 von redaktion in Nachwuchspreis.
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