Sozialrassismus

Adelheid Schmitz

Die historischen Erfahrungen zeigen: das Streben nach einer „leidfreien“ Welt war in der modernen Gesellschaft oft verbunden mit sozialrassistischen Denkweisen und Praktiken, die im Nationalsozialismus ihr extremstes Ausmaß erreichten. Die Etikettierung, Diffamierung und Ausgrenzung von Menschen als „minderwertig“, „unnütz“ oder „lebensunwert“ wurde lange vor 1933 u.a. von angesehenen Wissenschaftlern eingeleitet. Vor dem nationalsozialistischen Massenmord an jüdischen Männern, Frauen und Kindern wurden hunderttausende Menschen als „nicht lebenswert“ definiert, viele von ihnen zu Menschenversuchen missbraucht, zwangssterilisiert und ermordet.

Vor diesem Hintergrund wurde in diesem Projekt untersucht und dokumentiert, wie heute mit Menschen umgegangen wird, die keinen Platz (mehr) in der leistungsorientierten Arbeitsgesellschaft haben, die leistungsgemindert, behindert, schwerstkrank sind.
Im Rahmen von Tagungen, Seminaren, work-shops und Publikationen wurden konkrete Beispiele und Hintergründe eines aktuellen Sozialrassismus analysiert, diskutiert und dokumentiert.

Sozialrassismus
In diesem Projekt wurden Themen und Fragen aufgegriffen, die in der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht im Zusammenhang mit Rechtsextremismus und Neonazismus diskutiert werden. Viele Opfer offener rassistischer Gewalt waren und sind Obdachlose, Behinderte oder Homosexuelle. Wenn sie auf offener Straße angepöbelt, angegriffen oder sogar erschlagen wurden und werden, richtet sich der Blick mit Abscheu vor allem auf die rassistischen, meist jugendlichen Täter. Dabei gibt es sowohl bei der Auswahl der Opfer als auch dem Versuch, sie aus dem öffentlichen Leben verschwinden zu lassen, Überschneidungen mit Denkweisen und Praktiken der Ausgrenzung, die in der Mitte der Gesellschaft fest verankert sind. So wird z.B. nicht oder selten wahrgenommen, dass die humangenetische Zielsetzung „Kommendes Leid verhindern“ und die von rechten Skinheads zu hörende platte Parole „Unnützen Fressern das Maul stopfen“ viel miteinander zu tun haben: immer geht es darum, dass Menschen, die den Kriterien der leistungsorientierten Arbeitsgesellschaft nicht entsprechen, die schwerstkrank oder behindert sind, möglichst aus der Welt verschwinden oder gar nicht erst geboren werden sollen. Udo Sierck kommentiert dies im Vorwort zu dem Buch „Der Pannwitzblick“ so: „Die einen haben die Rolle der Wort- und Ideengeber, die anderen schlagen zu…. Selektion ja, aber bitte in geordneten (medizinischen) Bahnen und unter dem Schutz der wissenschaftlichen Reputation.“ (1)

Deshalb wurden im Rahmen dieses Projektes einige Aspekte eines aktuellen Sozialrassismus beleuchtet, der in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und eine lange Tradition hat. „Seit der Etablierung der rassen- und sozialhygienischen Ideen zu Beginn dieses Jahrhunderts existiert eine sozialrassistische Linie, die sich gegen verarmte, in ihrer Sexualität unangepaßte, gegen physisch oder psychisch oder sonst wie auffällige Menschen aus der Bevölkerung richtet. (…) Bei dem Zugriff auf diese Gruppen, helfen moderne Sozialtechniken der Erfassung und Kontrolle sowie technokratische Sanktionen wie der Entzug von Unterstützungsleistungen, die Androhung der Bestrafung oder die kurzfristige oder endgültige Freiheitsberaubung in differenzierten Institutionen.“ (2)

Der historische Rückblick zeigt: bereits Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Vererbungswissenschaftler und Mediziner damit, menschliches Leben mit Begriffen wie „minderwertig“ oder „höherwertig“ naturwissenschaftlich zu kategorisieren und zu normieren. Über die Kontrolle der Sexualität und der Fortpflanzung sollte ein „gesunder Volkskörper“ geschaffen werden, der von Krankheiten befreit war.(3) Als Antwort auf die sozio-ökonomischen Krisen entwickelte sich ein Gesellschaftsentwurf, der ideologieübergreifend und international von Rechten und Linken, von rassistisch-chauvinistischen und sozialistischen Fraktionen vertreten wurde.(4) Der Soziologe Andreas Kuhlmann schreibt dazu: „Die neue Ideologie verband Kulturpessimismus mit Fortschrittsglauben, Niedergangsszenarien mit dem Versprechen auf Menschheitsbeglückung, Zivilisationsmüdigkeit mit dem Vertrauen auf moderne, technokratische Lösungsstrategien“.(5) Zum einen ging es darum, die von den Ärzten als „minderwertig“ oder „entartet“ diagnostizierten Menschen endgültig von der Fortpflanzung auszuschließen. Dies wurde zunächst auch mit den neu entwickelten medizinischen Techniken der Sterilisation, der operativen Abtreibung und schließlich auch durch die nationalsozialistische „Euthanasie“-Morde praktiziert. Gleichzeitig sollte durch gezielte Auswahl und Kontrolle die Fortpflanzung der als „höherwertig“ bezeichneten Bevölkerungsgruppen gefördert werden.

Zusammenhang zwischen den NS-Morden und bürgerlicher Normalität
An der Vorgeschichte und der Praxis der Zwangssterilisationen und der „Euthanasie-Morde“ im Nationalsozialismus läßt sich belegen, daß es einen Zusammenhang gegeben hat zwischen dem nationalsozialistischen Massenmord und bürgerlicher Normalität. Mit Unterstützung von Ärzten, Pflegekräften und Fürsorgerinnen wurden „rassehygienische“ Denkweisen im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ konsequent umgesetzt. Angehörige sozialer Berufe haben sich an der Erfassung, Kontrolle, Selektion und Ermordung dieser als „minderwertig“ und „nicht leistungsfähig“ bezeichneten „Randgruppen“ beteiligt, oftmals übereifrig und in vorauseilendem Gehorsam oder sogar mit dem Gefühl, „diesen armen Kreaturen noch etwas Gutes zu tun“. Fürsorgerinnen verfaßten Gutachten über angeblich „asoziale“ Familien und meldeten sogenannte „Arbeitsscheue“ zur Einweisung in Arbeitslager, Erzieherinnen und Psychiater führten erbbiologische Selektionen von Fürsorgezöglingen durch, Fürsorgerinnen meldeten Prostituierte wegen „sexueller Perversion“ zur Zwangssterilisation, Pflegekräfte in heil- und Pflegeanstalten meldeten Geisteskranke und psychisch Kranke zur “Euthanasie“ oder waren selbst an der Ermordung beteiligt. Viele dieser Menschen wurden vor ihrer Ermordung bei medizinischen Menschenversuchen mißbraucht.(6) Vor dem Hintergrund seiner langjährigen Forschungsarbeiten kommt der Theologe und Journalist Ernst Klee zu der Schlußfolgerung :„Die Medizin während der NS-Zeit unterscheidet sich von der Medizin vorher und nachher nur in einem: Forscher dürfen alles, was sie wollen.“ (7)

Sozialrassismus heute
Aktuelle Brisanz erhalten sozialrassistische Denktraditionen angesichts neuerer biomedizinischer Entwicklungen und gegenwärtig geführter Aussonderungsdiskurse. „Baulicher und pflegerischer Zynismus gegenüber den „Unbrauchbaren“ und Leistungsgeminderten ist noch längst nicht Vergangenheit. Die Euthanasie zeigt, wohin der Weg letztlich führt, wenn Menschen über den Leisten einer Kosten-Nutzen-Kalkulation geschlagen und Hilfsbedürftige zu Pflegeware degradiert werden.“ schreibt Ernst Klee.(8)

Eine Kontroverse lösten die im Sommer 1999 von dem Philosophen Peter Sloterdijk in die öffentliche Diskussion gebrachten Thesen vom „Menschenpark“ und den nicht ganz neuen Vorstellungen von der Züchtung des „besseren“ Menschen aus. Sloterdijk konnte sich dabei auf Platon, Nietzsche oder Heidegger berufen. Diese „Züchtungsphantasien“ des „Denkers“ kommentierte Heinz D. Kittsteiner in der Frankfurter Rundschau eher gelassen: „Eine Demokratie kann es ertragen, wenn jemand frei nach Nietzsche über Zucht und Züchtung laut nachdenkt.“(9) Für die Gegenwart sieht Kittsteiner die tatsächlichen Gefahren weniger in den Träumen totalitärer Menschenzüchter, sondern darin, „daß im Gedränge von Angebot und Nachfrage ein paar Wertmaßstäbe verloren gehen.“(10) Deshalb muß sensibel verfolgt werden, wie verschiedene Entwicklungen sich letztlich gegenseitig beeinflussen und zusammenfließen. Es läßt sich beobachten, daß Gentests an Ungeborenen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach einer leidfreien Welt stehen und gleichzeitig Begehrlichkeiten von Versicherungen wecken. Da die nach pränatalen Diagnosen abgetriebenen Föten noch als „menschliche Ersatzteillager“ genutzt werden können, gibt es auch hier weitreichende Interessen in der Forschung und Biomedizin. Die gegenwärtigen bioethischen Debatten und daraus resultierende Konventionen wie z.B. die Bioethik- Konvention des Europarates können diese Entwicklungen nicht bremsen, denn Bioethik ist kein neutraler Begriff, „sondern meint die Unterordnung von Menschen unter technisch-medizinische Möglichkeiten und Ansprüche. Beispiele dafür gibt es zuhauf: da wird der herkömmliche Todesbegriff durch den Hirntod ersetzt, werden lebende Hirnzellen von abgetriebenen Föten als Organbanken benutzt, sollen menschliche Gene patentiert werden können, wollen Ärzte an kranken Menschen auch ohne deren Einwilligung forschen, wird darüber debattiert, die Geschlechtszellen von Menschen genetisch zu manipulieren, und soll Menschen das Recht auf Leben entzogen werden, weil sie bestimmten Kriterien nicht mehr genügen.“ (11)

Inzwischen werden zur „Vermeidung kranken Nachwuchses“ zunehmend humangenetische Beratungen und pränatale Diagnostiken angeboten und nachgefragt. Dass für die Bewertung menschlichen Lebens ökonomische Kriterien nicht nur in offen rassistischen Denkweisen, sondern auch in wissenschaftlichen Untersuchungen vorkommen, zeigt der bereits 1979 von den Genetikern Passarge und Rüdiger (ehemaliger Schriftleiter des Hamburger Ärzteblattes) vorgelegte „Erfahrungsbericht mit Kosten-Nutzen-Analysen“ zur genetischen Pränataldiagnostik. Im Resümée heißt es: „durch primäre Pränataldiagnostik bei allen Müttern ab 38 Jahren würden in der gesamten Bundesrepublik Deutschland die Kosten dieser Untersuchungen nur etwa ein Viertel der erforderlichen Aufwendungen zur Pflege der Kinder mit Trisomie 21 betragen. In absoluten Zahlen ständen Aufwendungen für die Pflege der Kinder von jährlich rund 61,6 Mio. den Aufwendungen für ihre Prävention in Höhe von rund 13,5 Mio. gegenüber. Dies würde bei einer Kosten-/Nutzen-Relation von 0,25 jährlich eine Einsparung von rund 48 Mio. bedeuten.“ (12)
Eine Folge dieses Denkens ist, dass heute aufgrund der Pränataldiagnostik schätzungsweise 90% der mit Down-Syndrom diagnostizierten Kinder nicht mehr geboren werden.

Auch bei der medizinischen Versorgung bestimmen Kosten-Nutzen-Kalkulationen und Rationierungen schon seit langem die Praxis, nicht selten werden die medizinische Leistungen für Menschen in höherem Alter aufgrund eines wachsenden ökonomischen Drucks immer mehr reduziert. Nicht diese Tatsache, sondern erst die offene Aufforderung des katholischen Theologen Prof. Joachim Wiemeyer (Bochum) und des Konstanzer Sozialpolitik-Experte Prof. Friedrich Breyer, die medizinischen Leistungen für ältere Menschen zu begrenzen, führte zu einem öffentlichen Aufschrei. Ärzteverbände und Politiker reagierten mit Empörung.(13) Eugen Brysch, der Geschäftsführer der Deutschen Hospitz-Stiftung, nannte diese Reaktion „heuchlerisch“ und wies darauf hin, dass bereits jetzt schon viele ältere Menschen aus Angst, nicht „würdevoll“ sterben zu können, mittels Patientenverfügungen medizinische Behandlungen von sich aus verweigerten und damit „den Planern im Gesundheitssystem mit ihrer Rechenschiebermentalität“ in die Hände spielten.(14)

[1] Udo Sierck, Normalisierung von rechts. Biopolitik und die ‘Neue Rechte’, Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg 1995, S. 6.
[2] Ebd. S. 6.
[3] Vgl. hierzu: Anna Bergmann, Verhütete Sexualität, Rasch und Röhrig, Hamburg 1992 / Peter Weingart u.a.:Rasse, Blut und Gene, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1992.
[4] Vgl. hierzu: Michael Schwartz, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890 – 1933, Dietz Verlag, Bonn, 1995.
[5] Andreas Kuhlmann, Alte Eugenik – neue Eugenik, in: Frankfurter Rundschau, 15. 11. 1999.
[6] Ernst Klee, “Euthanasie” im NS-Staat, Fischer Verlag, Frankfurt 1983.
[7] Ernst Klee, Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 1997, im Vorwort.
[8] Ernst Klee, “Euthanasie” im NS-Staat, Frankfurt, 1983, S. 13.
[9] Heinz D. Kittsteiner, Zarathustra goes Berlin. Sloterdijk und die Misere intellektueller Debatten, in: Frankfurter Rundschau 28. 10.1999.
[10] Ebd.
[11] Michael Emmrich, In der Bioethik-Falle, in: Frankfurter Rundschau, 29.5.1996, S. 3.
[12] Eberhard Passarge, Hugo W. Rüdiger: Genetische Pränataldiagnostik als Aufgabe der Präventivmedizin, Enke Verlag, Stuttgart 1979, S. 22, zitiert nach: Michael Bentfeld, Singer und die Neugeborenenmedizin, in:Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Sozialpädagogik u.a..: Dokumentation der Vortragsreihe Die “neue Ethik” – zurück zur “Euthanasie”, Hamburg WS 1989/90, S. 59.
[13] Kölner Stadtanzeiger , 05. 06.2003: Altersgrenze in der Medizin schon Realität.
[14] Ebd.

Geschrieben am 12.07.2011 von xtmadmin in Abgeschlossene Projekte.
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